URL: www.st-hedwig-cbs-speyer.de/aktuelles/pressemitteilung/presse/schwierige-entscheidungen-am-lebensende-dd06e8a1-08f3-4c2b-83f7-00cd2fa8bf84
Stand: 20.01.2017

Pressemitteilung

Schwierige Entscheidungen am Lebensende

Schwierige Entscheidungen am Lebensende – mit diesem Thema beschäftigte sich der Vortragsabend am 26. Oktober im Caritas-Altenzentrum St. Hedwig. Was tun, wenn eine unheilbare Krankheit den Tod in greifbare Nähe rückt? Welche Entscheidungen bringt die Situation mit sich und wo finden Betroffene und ihre Angehörigen Hilfe? Antworten darauf gaben die Gastreferenten Marita Seegers, Mitarbeiterin beim Caritasverband, und der Internist und Palliativmediziner Dr. Hans-Jürgen Gabriel. In ihren Vorträgen widmeten sie sich ethischen und medizinischen Aspekten.

Marita Seegers und Dr. Hans-Jürgen Gabriel

„Nicht immer liegen gute Entscheidungen auf der Hand, vor allem wenn sie weitreichende Folgen haben. Manchmal muss um sie gerungen werden“, weiß Marita Seegers aus Erfahrung. Denn als Mitglied der Ethikberatung im Caritasverband wird sie immer wieder angefragt, bei Konfliktlösungen in einer Ausnahmesituation Hilfestellung zu leisten.  „Besonders wenn es um lebensverlängernde Maßnahmen bei einem sterbenskranken Menschen geht, ergeben sich viele Fragen, auch ethischer Natur. Sie beruhen nicht nur auf der Vernunft, sondern haben auch emotionale Anteile. Entsprechend schwer tun sich Betroffene und ihre Angehörigen. Dann stehen wir ihnen gerne zur Seite, um die Entscheidungsfindung auf mehrere Schultern zu verteilen.“

Dabei werden alle Beteiligten aus dem medizinischen, pflegerischen und sozialen Umfeld mit einbezogen. „Allerdings orientieren wir uns stets an dem Willen des Patienten, er hat oberste Priorität. Idealerweise hat er seine Wünsche in einer Patientenverfügung festgeschrieben. In jedem Fall müssen wir uns fragen, welche Verantwortung wir der Person gegenüber haben.“ Weiterhin gelte es, Nutzen und Schaden möglicher Maßnahmen abzuwägen, aber auch dem Prinzip der Gerechtigkeit gemäß zu schauen, ob und wie andere davon betroffen sind. Das Abklopfen aller relevanten Aspekte ebne den Weg, aus der gemeinsamen Runde eine Entscheidung über das weitere Vorgehen erwachsen zu lassen. Wobei jeder Beteiligte mit seinen Argumenten und Bedenken ernst genommen werde.

Diesem Leitbild hat sich auch die Palliativmedizin verschrieben. „Sie beginnt, wenn alle Mittel der kurativen Medizin ausgeschöpft sind und die Lebenserwartung des Patienten nur noch begrenzt ist“, eröffnete Dr. Hans-Jürgen Gabriel seinen Vortrag. Er war 25 Jahre Chefarzt der Inneren Abteilung im Nardini-Klinikum Landstuhl und Initiator der dortigen Palliativstation. „Weil es wichtig ist, dass auch austherapierte Patienten einen Ort haben, an dem man sich ums sie, ihre Probleme, Sorgen und Nöte kümmert.“ Allerdings dürfe die Palliativstation nicht mit einem Hospiz verwechselt werden. „Das ist eine Einrichtung, die Menschen ein würdevolles Sterben ermöglicht.  Die Palliativstation dagegen ist keine Station zum Sterben, sondern zum Leben“, räumte der Mediziner mit einem Vorurteil auf. „Ihr Ziel ist es, die Beschwerden des Patienten bestmöglich zu lindern, ihn schmerzfrei zu machen und dadurch seine Lebensqualität in der ihm verbleibenden Zeit zu verbessern. Sobald das erreicht ist, gehen die Patienten wieder nach Hause und kommen erst wieder, wenn sich ihr Zustand verschlechtert hat.“

In der Palliativmedizin stehe nicht das technisch Machbare  im Vordergrund, sondern das, was der Betroffene möchte und was ihm gut tut. Es gehe nicht darum, dem Leben mehr Tage zu geben, sondern den Tagen mehr Leben, hielt Gabriel es mit der englischen Ärztin Cicely Saunders, die als Begründerin der modernen Palliativmedizin gilt. Ihre Aussage bringe auf den Punkt, was es mit diesem Konzept der Krankheitsbegleitung auf sich hat. Es verfolgt einen ganzheitlichen Ansatz, der auch die psychosozialen und spirituellen Belange des Patienten berücksichtigt und Empathie verlangt. Deshalb kümmert sich ein multiprofessionelles Team, von Ärzten bis hin zu Psychologen und Seelsorgern, um die Betroffenen. Aber auch die Angehörigen erfahren Unterstützung und Entlastung, da sich ihre psychische Stabilität positiv auf den Kranken auswirkt. „Ethische Aspekte sind in der Palliativmedizin unverzichtbar. Ärztliche Entscheidungen basieren auf dem Respekt vor der Autonomie. Denn jeder hat ein verbrieftes Recht auf Selbstbestimmung und diese wiederum gibt den ärztlichen Handlungsrahmen vor.“ Das könne allerdings auch bedeuten, auf lebensverlängernde Maßnahmen zu verzichten oder sie abzubrechen und der Natur ihren Lauf zu lassen, aber stets unter der maximalen Fürsorge für den Patienten.  „Wenn es ein moralisches Recht auf bestmögliche Versorgung am Lebensende gibt, dann ist es der Zugang zur Palliativmedizin“, schloss Hans-Jürgen Gabriel sein Plädoyer für mehr Lebensqualität in der letzten Phase.

Copyright: © caritas  2019