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Stand: 20.01.2017

Pressemitteilung

100 Kerzen auf der Geburtstagstorte

 

Jubilarin Maria Kostowski

Ab 60 sehen die Menschen schlechter, ab 70 geht’s mit dem Gehör bergab und ab 80 mit dem Rest der Sinne, sagen Wissenschaftler. Maria Kostowski straft sie Lügen. „Bis 98 war noch alles in Ordnung, erst da fingen die Augen und den Ohren an, langsam aber stet abzubauen. Dafür ist im Kopf noch alles in Ordnung. Das ist viel wert.“ Die 100 Jahre sieht man der zarten, gepflegten Frau mit rosa Bluse und Perlenkette nicht an. Die weißen Haare noch voll und frisch vom Friseur onduliert. Pünktlich zu dem besonderen Geburtstag. „Ich hatte schon vor, alt zu werden. Aber 100, damit habe ich nicht gerechnet. Eigentlich geht es mir dafür ganz annehmbar.“ Die Aussage erstaunt, denn nach zwei Beinbrüchen ist Maria Kostowski auf den Rollstuhl und fremde Hilfe angewiesen. Deshalb musste sie vor zweieinhalb Jahren ihr Zuhause verlassen und ins Caritas- Zentrum St. Hedwig umsiedeln.

Doch die Veränderung trägt sie mit Gleichmut. Sie hat gelernt, sich damit zu arrangieren. „Weil es sich sowieso nicht ändern lässt und das Alter eben seinen Tribut fordert.“ Und weil das Älterwerden nicht allein von Defiziten geprägt ist, sondern auch von einem Plus an Wissen und Erfahrung, wie zu erfahren ist. Dazu zählen bei Maria Kostowski der reiche Schatz der Erinnerungen wie an die Kindheit im einstmals polnischen Chydrow, das heute zur Ukraine gehört und die Flucht 1945 zusammen mit den Eltern nach Gleiwitz - ein schmerzlicher Abschied von der Heimat und ein Aufbruch ins Ungewisse. „Das war ein schlimmes Erlebnis.“

13 Jahre später folgte wieder ein Ortswechsel. Dieses Mal nach Krakau, 1979 dann nach Kaiserslautern, zusammen mit ihrem Mann, den sie bereits während des Krieges kennengelernt hat. Ein deutscher Soldat und dennoch willkommen im Elternhaus. „Er war ein so lieber, herzlicher Mensch. Meine Eltern haben ihn sehr gemocht.“ Ihren Mann gibt es seit 2009 nur noch in ihren Gedanken.

Was Maria Kostowski nicht gefällt, ist der rasante technische Fortschritt: „Da komme ich nicht mehr mit, das geht mir alles zu schnell.“ Früher sei eine neue Erfindung noch etwas ganz Besonderes gewesen, wie etwa die Waschmaschine. „Das war eine nützliche Errungenschaft. Ich wünschte, sie hätte es schon gegeben, als meine Mutter jung war. Sie musste noch die Wäsche für die ganze Familie mühsam per Hand sauber schrubben, und wir waren immerhin sechs Kinder.“

Auch wenn sie zufrieden scheint, manches geht ihr schon ab. Vor allem das Lesen, das sie so geliebt hat, und das Fernsehen. Beides lässt das Augenlicht nicht mehr zu. Die Lücke füllt sie jetzt mit Radiohören. Auch ihr Bewegungsradius ist geschrumpft, seit das Gehen schwer fällt und sie den Rollstuhl braucht. Manche bedauern sie deswegen. Sie selbst hat kein Problem damit hat. „Mein Sohn wohnt ganz in der Nähe und besucht mich regelmäßig. Ab und zu schaut auch mein Enkel vorbei. Das ist schön, aber ich kann auch gut allein sein.“

Die  Gelassenheit, mit der sie den altersbedingten Einschränkungen begegnet, schöpft sie aus ihrem erfüllten Leben. „Es war ein gutes“, meint sie ohne Umschweife. „Ich habe viel erlebt, war berufstätig, zuerst als Lehrerin, später in der Petrochemie. Und ich hatte einen guten Mann.“ Bedauerlich sei nur, dass es niemanden mehr gibt, mit dem sie die Erinnerungen an frühere Zeiten teilen kann. „Ich habe sie alle überlebt, meinen Mann, meine Geschwister, die Freunde. Das ist der Haken, wenn man so alt wird.“
Text und Foto: Caritasverband für die Diözese Speyer / Friederike Jung

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